Studierende beauftragen - Kosten sparen?

von Regina Seelos (Kommentare: 0)

Kürzlich beim BDÜ-Übersetzerstammtisch in Neckarsulm: Eine Kollegin erzählt, sie sei von einer Übersetzungsstudentin im 1.(!) Semester um Rat gebeten worden, wie viel sie für eine Übersetzung verlangen sollte. Das vom potenziellen Auftraggeber gebotene Honorar sei unterirdisch gewesen. Unsere erste Reaktion war natürlich das allgemeine Beklagen der Preisentwicklung in der Branche. Aber dann kam ich ins Grübeln.

Das Problem liegt doch eigentlich woanders. Ein niedriges Honorar ist in dem Fall der Studierenden doch gerechtfertigt und verständlich. Wer wollte denn schon dem „Lehrling“ einen Meisterlohn bezahlen?

Die Frage, die sich stellt, ist doch eher die, warum jemand einen „Lehrling“ beauftragen möchte anstelle des “Meisters“ bzw. der professionellen ÜbersetzerIn oder DolmetscherIn? Wollte ich z. B. eine Treppe im Haus haben, die vom Lehrling alleine gebaut wurde oder vom Heimwerker, der in der Schule in Technik ziemlich gut war? Würde ich mir vom Friseurlehrling im ersten Lehrjahr ohne Aufsicht die Haare schneiden lassen wollen? Oder vom Medizinstudenten im 1. Semester eine Diagnose stellen und eine Behandlung angedeihen lassen? Eher nicht – zu riskant - besonders das Thema Friseur  – nicht auszudenken ;-)

Warum aber vertrauen einige beim Thema Übersetzen und Dolmetschen dem Laien oder dem „Lehrling“? Liegt es vielleicht daran, dass wir alle täglich Sprache nutzen und uns die Tücken nicht so bewusst sind? Auch wenn nicht jeder ein begnadeter Schriftsteller, Rechtschreibkönner oder Grammatikexperte ist – nicht einmal in seiner Muttersprache. Oder ist eher das Gegenteil der Fall, dass wir Fremd- oder fremde Muttersprachenkenntnisse überschätzen, wenn wir selbst eine Sprache gar nicht oder nur mangelhaft beherrschen? Oder können wir die Qualität schlicht nicht kontrollieren im Gegensatz zu manch anderer Leistung und entscheiden deshalb nur nach den Kosten? Als Laie möchte man vielleicht gern glauben, dass es reicht eine Sprache oder Fremdsprache gut zu sprechen, um Übersetzen und Dolmetschen zu können.

Doch Übersetzen und Dolmetschen ist vor allem auch ein Handwerk, das man erlernen und üben muss, bis man es beherrscht. Es sind sogar zwei unterschiedliche Handwerke, die lediglich das gleiche Rohmaterial nutzen – die Sprache. Allein schon daran erkennt man, dass Sprache nur ein Aspekt ist. Die Techniken des Umgangs mit der Sprache unterscheiden sich, weshalb die Berufe auch nicht einfach so austauschbar sind. Da steckt viel mehr drin als die Sprache.

Es braucht zudem Fachkenntnisse, die ein Student in den ersten Semestern nicht oder noch nicht haben kann. Diese sind aber wichtig, um einen Text wirklich zu verstehen. Als Beispiel nenne ich oft eine Situation, die viele kennen: Autowerkstatt - der Meister erzählt Ihnen, was gemacht werden muss oder wurde. Wenn Sie nicht zufällig Kfz-Mechaniker sind, dann verstehen Sie vermutlich nur Bahnhof. Oder das Kleingedruckte eines Vertrags, das oft gar nicht gelesen wird - „weil ich das sowieso nicht verstehe“. Aber ohne Verständnis geht nichts beim Übersetzen und Dolmetschen. Deshalb gibt es auch Spezialisierungen, ähnlich wie beim Fachanwalt oder Facharzt.

Ein weiterer Punkt sind die Werkzeuge, die ein professioneller Übersetzer nutzt, vom Fachwörterbuch bis zum Translation-Memory-System, und Recherchemethoden. Die wird der „Lehrling“ oder Laie nicht haben, da diese unter anderem mit höheren Kosten verbunden sind. Trotzdem sind diese Werkzeuge und Methoden wichtig, um ordentlich arbeiten zu können.

Um wieder zum Handwerker zurückzukommen: Wir würden auch staunen, wenn der Fachmann mit nur einem Schraubendreher und Hammer käme anstelle seiner Spezialwerkzeuge und Geräte. Man würde sicher auch seine Professionalität anzweifeln und sich fragen, ob man nicht lieber einen Profi gerufen hätte. Warum nicht beim Übersetzer und Dolmetscher? Woher kommt dieses große Vertrauen, dass diese Leistung auch von Laien oder vom „Lehrling im ersten Lehrjahr“ erbracht werden kann? Bei nüchterner Betrachtung ist eine vergleichbare oder gleichwertige Leistung gar nicht möglich.

Die Antwort auf obige Frage lautet damit: Ja, man kann Kosten sparen, wenn das Ergebnis nicht so wichtig ist. Denn es besteht selbstverständlich immer ein Zusammenhang zwischen Qualität und Kosten, wie bei jedem anderen Produkt auch. Da muss eben jeder sein Maß für den Einzelfall finden.

Eine andere Frage, die sich stellt, ist jedoch auch die, was einen Studierenden im 1. Semester dazu bringt zu glauben, Übersetzungen gegen Entgelt anbieten zu können? Eine scheinbar attraktive Möglichkeit etwas hinzuzuverdienen wird wohl die Hauptmotivation sein. Von Respekt vor dem eigenen angestrebten Beruf und gegenüber seinen Kunden zeugt es jedoch nicht wirklich. Man tut sich auch selbst keinen Gefallen damit, wenn man solche Aufträge annimmt. Spätestens wenn man dann am Auftrag sitzt, wird einem schnell klar, warum ein Studium oder eine Fachakademieausbildung meist mehrere Jahre dauert und auch die eigenständige Vorbereitung auf eine staatlichen Prüfung sowie die Prüfung selbst recht anspruchsvoll sind. Im Falle von Betriebsanleitungen oder Drucksachen steht auch noch die Frage der Haftung im Raum, auf die ich hier jedoch nicht näher eingehen möchte. Man sollte es sich tatsächlich gut überlegen, ob es sinnvoll ist, eine solche „Gelegenheit“ zu nutzen, oder lieber erst einmal zu lernen und das Gelernte erst zu einem späteren Zeitpunkt zu nutzen.

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