Kein Dolmetscher? "Das macht nichts, sollte nicht so schwierig werden, der ist kein Muttersprachler ..."

von Regina Seelos (Kommentare: 0)

Anruf vom Gericht: Hätten Sie Zeit bei einem Gerichtstermin zu übersetzen? Wir bräuchten einen Übersetzer, der überprüft, ob die Aussagen des Angeklagten vor Gericht mit den Gesprächsprotokollen der Polizei übereinstimmen.

Dolmetscher / Übersetzer

Auf meinen Einwand hin, dass ich kein Dolmetscher sei, kam jedenfalls die Aussage: "Das wird nicht so schwierig werden. Der Angeklagte ist ja kein Muttersprachler. Das macht nichts, wenn Sie das nicht so gut können." Ich erklärte dem Mitarbeiter also zunächst mal den Unterschied zwischen Übersetzen und Dolmetschen. Dass das einfach unterschiedliche Berufe und Arbeitsweisen sind und keine unterschiedlichen Niveaus der Sprachbeherrschung darstellen. Ein Dolmetscher wäre in einer Gerichtsverhandlung eindeutig die bessere Wahl gewesen. Ob er sich letztendlich für einen Dolmetscher entschieden hat, weiß ich nicht. Vermutlich war es auch ein Versuch Kosten zu sparen, da Dolmetscher bei Gericht als Sachverständige anders vergütet werden.

Die Annahme des Mitarbeiters beim Gericht jedoch, dass man einen Menschen, der die Sprache nur mäßig beherrscht, einfacher verstehen könnte als einen Muttersprachler, hat mich doch sehr verwundert. Mag sein, dass es für einen Laien so ist, der selbst nur ein paar Worte versteht. Der ist möglicherweise von der Ausdrucksweise des Muttersprachlers überfordert. Das gilt jedoch nicht für Sprachprofis.

"Sollte nicht so schwierig werden, der spricht die Sprache auch nicht so gut ..."

Denn ganz im Ernst: Wenn ich mit jemandem spreche, der meine Sprache nur unzureichend beherrscht, dann brauche ich doch regelmäßig Fantasie und Interpretationsbereitschaft, um folgen zu können. Es ist doch wesentlich einfacher, wenn der Gesprächspartner die Sprache auf hohem Niveau spricht. Das müsste doch jedem einleuchten, der schon mal mit jemandem gesprochen hat, der die Sprache noch nicht so beherrscht. Auch die Sprecherfahrung mit Kindern ist ein Beispiel dafür. Da ist ja auch oft raten angesagt, bis sie mal richtig sprechen können.

Dasselbe gilt natürlich auch für schriftliche Übersetzungen. Wenn ein Text mangels Sprachkenntnissen oder aus anderen Gründen - es ist nun mal nicht jeder der geborene Schreiber - schlecht verfasst ist, dann ist dies immer aufwändiger als wenn alles stimmt.

Das tiefgreifende Verständnis des Textes oder des gesprochenen Wortes ist ja der erste Schritt beim Übersetzen oder Dolmetschen. Der erste und entscheidende Schritt würde ich sagen. Wenn das geschafft ist, ist die Formulierung in der Zielsprache oft das kleinere Problem. Ganz unabhängig davon, ob die Ausgangs- oder Zielsprache Mutter- oder Fremdsprache ist. Dies gilt insbesondere für Fachtexte, seien diese technischer oder rechtlicher Art. Womit wir wieder beim obigen Gerichtsfall wären. Wenn jemand oder etwas schlecht verständlich ist, ist es auch schwieriger zu übersetzen oder verdolmetschen.

Es ist leider so, dass trotzdem, dass wir alle jeden Tag Sprache verwenden, sehr viel Unkenntnis und Unverständnis in Bezug auf Sprachen und die Berufe des Dolmetschers und Übersetzers herrscht. Aber vielleicht ist auch genau das der Grund. Weil wir alle - ob Profis oder nicht - jeden Tag Sprache nutzen, ist vielen oft nicht bewusst, dass Übersetzen und Dolmetschen mehr ist als den Mund zum Sprechen oder die Finger zum Tippen zu bewegen.

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