Right first time - ein Prinzip aus dem Qualitätsmanagement
von Regina Seelos
Und was tun wir, wenn wir als erstes einmal die KI ranlassen?
Der Übersetzungsprozess
Right first time (RFT) - das Prinzip aus dem Qualitätsmanagement kann auch aufs Übersetzen übertragen werden.
Geduld ist nicht meine Stärke
Schon ziemlich zu Anfang meiner Karriere als Übersetzerin habe ich festgestellt, dass ich insgesamt länger für eine Übersetzung brauche, wenn ich zunächst nur eine Rohfassung erstelle und dann einen zweiten und dritten Durchlauf brauche, bis die Übersetzung ganz fertig ist. Ich habe mir schon damals angewöhnt, jeden Satz im Prinzip komplett fertig zu machen, so auszuformulieren, dass er grundsätzlich in der Form stehen bleiben könnte.
Dann brauche ich später nur noch einen Korrekturlauf, um auf Anschlüsse und Bezüge zu achten, nochmal Rechtschreibung und Kommas zu korrigieren. Aber: Es gibt keine großen Verwerfungen mehr, bei denen gleich noch einige Sätze davor und danach angepasst werden müssen, um alles wieder einheitlich zu haben, oder dass ganze Passagen völlig umgeschrieben werden müssen. Denn das ist sehr zeitaufwendig und geht mir sehr auf die Nerven - wenn ich das mal so sagen darf. Ich verschwende nicht gerne Zeit. Weniger Korrekturen bedeuten weniger Zeit und damit geringere Kosten.
Faktor Zeit
Ähnlich - also Zeit verschwendend - fühlt es sich beim sogenannten Post-Editing an, also beim Überarbeiten von maschinell vorübersetzten Inhalten - sei es nun per Chatbot oder klassischer Maschinenübersetzung. Dieses Post-Editing, also die Überarbeitung, gliedert sich sogar in 5 Prozessschritte: Lesen des Ausgangstextes, Lesen des Zieltextes, Abgleich, ob inhaltlich korrekt, Einarbeitung notwendiger Korrekturen und Schlusskorrektur - also der Schritt 3 der manuellen Übersetzung (Schritt 1 wäre dabei das Lesen des Ausgangstextes, Schritt 2 das Übersetzen).
Wie relevant ist Stil?
Wenn wir also dem QM-Prinzip "Right First Time" folgen, dann ist Post-Editing schon zeitlich nicht ideal. Auch das Ergebnis ist in der Regel nicht ideal, da man beim Überarbeiten immer in den Stil eingreift und sich beim Lesen dann ein Störgefühl einstellt, wenn das nicht mehr einheitlich ist, manchmal auch nur ganz unterbewusst.
Sicher gibt es Texte, bei denen Stil zweitrangig ist. Dann ist immer noch der Zeitfaktor zu berücksichtigen.
Der Prozess sollte immer wirtschaftlich sinnvoll sein
Bei der Bewertung, ob ein Post-Editing-Prozess sinnvoll ist, sind jedoch noch weitere Faktoren zu berücksichtigen: Wie gut ist ein Sprachmodell grundsätzlich auf das Thema ausgerichtet, d. h. welche Qualität an Übersetzung ist zu erwarten? Gibt es für die jeweilige Sprachkombination überhaupt ausreichend Trainingsmaterial? All dies spielt ebenfalls beim Zeitbedarf der Korrekturphase mit hinein.
Das klingt heute alles sehr technisch und ist es auch. KI ist nun mal Technik. Aber vielleicht hilft die Info, etwas Licht ins Dunkel der Übersetzungsprozesse zu bringen und zu zeigen, warum Qualitätsmanagement-Prinzipien wie "Right First Time" auch beim Übersetzen Anwendung finden und helfen können.